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Nachhaltig bauen

Fragt man heute zehn Leute auf der Straße, was sie denn unter nachhaltigem Bauen verstehen, werden neun das Schlagwort Energieeffizienz nennen. Doch was ist mit der Vermeidung von Schadstoffen beim Bau? Was ist mit der Entsorgung der verwendeten Materialien? Und was mit der Nachhaltigkeit bei der Gestaltung?

Eines vorneweg: Die Energieeffizienz eines Gebäudes spielt in Sachen Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. „Diese Rolle wird aber nicht geschmälert, wenn man den Fokus etwas weiter aufzieht und in die Beurteilung der Nachhaltigkeit eines Baus mehr als nur den Energieaspekt einfließen lässt“, so Landesrat Florian Mussner. Sein Bautenressort richtet sein Augenmerk deshalb bereits seit Jahren darauf, möglichst nachhaltig zu bauen, was auch bedeutet: dauerhaft zu bauen, zeitungebunden zu bauen, ökologisch zu bauen.

Von CO2 bis zur Ästhetik
Konkret stellen sich dann die Fragen: Wie kann bei einem Bau die Erzeugung des Treibhausgases Kohlendioxid konsequent vermindert werden? Wie bei der Herstellung der Materialien, wie bei deren Transport, wie bei deren Einbau und wie bei deren Entsorgung? Überhaupt, die Entsorgung: Sie fällt wohl oder übel irgendwann einmal an, kein Bau ist für die Ewigkeit gedacht. Deshalb sollte heute schon ein eingehender Blick auf die Materialien geworfen werden, um solche zu vermeiden, die bei der Entsorgung Probleme bereiten: logistische, umwelttechnische, aber auch finanzielle.
Und noch ein Aspekt der Nachhaltigkeit wird heute allzu oft aus den Augen verloren: jener der architektonischen Gestaltung. Zwar werden Bauten, wie bereits gesagt, nicht für die Ewigkeit errichtet, die meisten von ihnen stehen aber Jahrzehnte lang, müssen also auch in 30 oder 50 Jahren noch optisch und ästhetisch vertretbar sein. Im besten Fall wird auch die Generation, die auf uns folgt, die Generation unserer Kinder und Kindeskinder das schön finden, was wir heute bauen. Im zweitbesten Fall werden sie es akzeptieren. Im schlechtesten Fall werden sie es nicht aushalten. Nachhaltig ist letzterer Fall sicher nicht, der vorletzte nur bedingt.

Klinik Bozen

Am Anfang steht eine Idee...
An Fragen an die Planer, an die Bauherren mangelt es also nicht, aber gibt es auf all diese Fragen auch zufrieden stellende Antworten? Auch auf der Suche nach diesen Antworten tut sich das Bautenressort des Landes hervor. „Wir haben schließlich in dieser Hinsicht nicht nur andere Möglichkeiten als private Bauherren, sondern sind uns auch unserer Vorbildwirkung bewusst“, so Mussner. Einfacher ausgedrückt: Baut das Land nicht nachhaltig, wird es auch kaum ein Privater tun, geht die öffentliche Hand dagegen mit gutem Beispiel (und manchmal auch strengen Regeln) voran, ist eine Sogwirkung gewiss.
Auf ein Credo setzt man dabei im Bautenressort besonders: Ein jeder Bau beginnt mit der besten Idee. Das mag nach einer Binsenweisheit klingen, ist aber wesentlich, wenn man sich vor Augen hält, dass etliche Bauten angegangen werden, indem man sich zunächst nur über technische Aspekte Gedanken macht: Welche Materialien sollen verwendet werden, welcher Kostenrahmen gilt, welche Funktionalitäten müssen erfüllt sein? Allesamt Fragen, die im Rahmen eines Bauvorhabens gestellt werden müssen, sicher, nur eben nicht schon ganz am Anfang.
An diesen Anfang gehören dagegen die Wünsche, Bedürfnisse und auch Träume von Bauherrn und Nutzern, gehört eine Vision vom jeweiligen Bau, die das Land schon seit rund 30 Jahren mit Hilfe von Ideen- und Planungswettbewerben entwickelt. „Diese Wettbewerbe geben uns die Möglichkeit, viele kluge, viele kreative Köpfe unabhängig voneinander mit einem Bauvorhaben zu befassen“, so Josef March, Direktor im Bautenressort des Landes und selbst Architekt. „Und je mehr Köpfe sich damit befassen, desto mehr Ideen werden geboren und desto sicherer ist eine darunter, die allen – auch technischen und finanziellen – Bedürfnissen gerecht wird.“ March ist überzeugt, dass die Wettbewerbe maßgeblich zur hohen architektonischen Qualität in unserem Land beigetragen haben. „Sie tragen auch wesentlich dazu bei, das beste Projekt in Sachen Landschaft, Umwelt und Nachhaltigkeit zu ermitteln“, so der Direktor.

Einfühlungsvermögen und Rücksicht
Gerade diese drei Punkte gewinnen immer mehr an Bedeutung. „Es wird in Zukunft bei der Planung ein größtmögliches Einfühlungsvermögen in die Natur brauchen, und zwar bei privaten Gebäuden genauso wie bei öffentlichen, bei Wohngebäuden wie bei Büros oder Werkshallen“, erklärt March. Mehr noch: Es gehe nicht allein um eine möglichst gute Planung der Gebäude, sondern auch des Raums dazwischen. „Der Freiraum muss für die Begegnung, die Kommunikation, die Erholung geeignet sein, denn letztendlich ist das oberste Ziel immer das Wohlbefinden des Menschen“, betont der Ressortdirektor.
Dies impliziert einige simple Erkenntnisse, angefangen beim Verkehr. „Mobilität ist zwar ein Grundbedürfnis, der Verkehr wird aber als störend empfunden“, so Landesrat Mussner. Deshalb sollten öffentliche Flächen bestmöglich vom Individualverkehr befreit werden, was wiederum bedeutet, dass der öffentliche Verkehr potenziert wird, dass man in den Wohnvierteln die Autos unter die Erde bringt und so an der Oberfläche möglichst viel Grün erhalten bleibt: für das Hirn, die Lunge und das Auge.
Letzteres sollte auch architektonisch auf seine Kosten kommen. „Neubauten sollten so gestaltet werden, dass der Erlebniswert für die Bewohner garantiert ist, und zwar möglichst für Generationen“, so der Landesrat. Da sei Feingefühl gefragt, Feingefühl für Dimensionen, Proportionen, Raum und Kontext. „Es geht im Grunde um Rücksichtnahme: auf den Nachbarn, auf den Ort, auf die Tradition, auf die Umwelt“, so Mussner. Rücksicht sei gefragt, weil Bauten immer auch etwas wegnehmen, und sei dies nur der für den Bau notwendige Platz oder Sonne und Licht im Schatten des Gebäudes. Deshalb finde die Rücksichtnahme ihren Ausdruck auch in der Gestaltung des Gebäudes sowie in der Wahl der Materialien.

Ins Umfeld einpassen
Ausgehend von der Vision, ausgehend von den Wünschen des Bauherrn, ausgehend vom Kontext, in den der Bau gestellt werden soll, wird demnach ein Projekt erarbeitet, in das auch die technischen Fragen eingearbeitet werden. Die Frage, um die es dann geht, ist jene einer möglichst funktionalen Raumhülle, und zwar in Sachen Hygiene, Wohlbefinden, bauphysikalischer Aspekte, Energieeffizienz und Integration ins Umfeld. Letztere erfordert Einfühlungsvermögen, ist aber notwendig, denn ohne sie kann von Nachhaltigkeit oder Umweltbewusstsein keine Rede sein.
Landhaus 11

Was aber gehört zum Umfeld? Nur Bäume, Wiesen, Hügel oder doch auch Straßen, Gehwege und Gebäude? Sicher allesamt, muss sich ein Neubau doch nicht nur in die Landschaft fügen, sondern auch in die bereits vorhandene Bausubstanz. „Neubauten müssen eine gewisse Verbundenheit mit Tradition und Landschaft aufweisen“, so Ressortdirektor March. Wobei Verbundenheit mit der Tradition nichts mit kopieren zu tun hat. „Architektur entwickelt sich weiter, das Kopieren alter Stile wäre aber ein Leugnen dieser Entwicklung“, so March, der für eine andere Art der Verbundenheit plädiert: „Neue Bauen, neue Strukturen können sich der traditionellen Struktur formell entgegensetzen, können sich aber auch durch eine gleichartige Materialwahl und fließende Räume eingliedern.“ Und für die Verbundenheit mit der Landschaft sei ohnehin wichtig, dass sich die Formensprache der jeweiligen Landschaft auch auf das Gebäude übertrage.
Fürstenburg

Klima, Material und CO2-Bilanz
Nachhaltig zu bauen, heiße zudem, neben der bestehenden Bausubstanz und der Landschaft auch das Klima zu berücksichtigen. „Da können wir durchaus von unseren alten Bauernhöfen lernen“, so der Direktor. Die Stube solcher Höfe sei etwa immer dort geplant worden, wo Sonne und Licht am besten genutzt und die Aussicht am besten genossen werden konnte. Die Seite dagegen, die sich der Hauptwindrichtung entgegen gestellt hat, wurde schlicht gehalten und nur mit kleinen Öffnungen versehen. „Das Motto ist demnach auch heute noch, dicht gegen die unwirtliche Seite und offen auf der einladenden Seite zu bauen“, erklärt March. So lasse sich nachhaltig, weil energieeffizient bauen und der Ausstoß von Kohlendioxid verringern.
Apropos Kohlendioxid: Dieses fällt nicht nur bei der Energie- und Wärmeerzeugung an, kann also auch nicht nur durch energieeffizientes Bauen eingespart werden. Vielmehr solle auch bei der Auswahl der Materialien auf die CO2-Bilanz geachtet werden. „Es geht darum, möglichst viele heimische Baustoffe zu verwenden, um lange Transportwege zu vermeiden“, so Landesrat Mussner. Natursteine würden diesen Ansprüchen genügen, auch Holz könne in Südtirol erzeugt und verbaut werden. „Diese beiden Materialien sind zudem in der ,Herstellung’ CO2-arm“, so Mussner, der ergänzt: „und in der Entsorgung.“ Diese sei bei Naturmaterialien problemlos, Sondermüll falle bei einer solchen Materialwahl kaum an. Denn was nützt es, wenn ein Haus zeitlebens CO2 einspart, weil es wenig Energie verbraucht, diese Ersparnis aber durch eine CO2-intensive Herstellung und Entsorgung der Materialien konterkariert wird. „Wir dürfen uns bei der CO2-Bilanz unserer Bauten schließlich nicht in den eigenen Sack lügen“, so Mussner.

Sigmundskron

Gewöhnlich und außergewöhnlich
Um all dies geht’s demnach beim nachhaltigen Bauen. „Es geht darum, dass wir uns anstrengen, dass wir uns und unser Tun hinterfragen, dass wir uns Gedanken machen, die nicht nur bis morgen reichen“, so der Landesrat. „Es geht letztendlich also darum, ganz Gewöhnliches außergewöhnlich gut zu bauen.“ Dies seien wir uns selbst schuldig, unserem Land und nicht zuletzt den nachkommenden Generationen. „Ihnen zu all den Lasten, die wir ihnen bereits aufbürden, auch noch jede Menge schlechte Architektur auf die Schultern zu packen, wäre einfach nicht fair“, so Mussner.