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Kunst am Bau und Energieeffizienz– Sanierung historischer Bauten

Waaghaus am Bozner Kornplatz unter den Fallstudien der EURAC.

Mit Fresken verzierte Decken, schmiedeeiserne Fensterrahmen, filigran verarbeitete Fensterscheiben – Details an Bauten, die das Herz eines jeden Denkmalpflegers höher schlagen lassen. Für Ingenieure und Techniker sind die dekorativen Elemente, welche den Glanz vieler historischer Gebäude ausmachen, eine herausfordernde Aufgabe, wenn es um eine energieeffiziente Sanierung geht.
Kunsthistorische Besonderheiten unter einen Hut zu bringen mit Sanierungsarbeiten, die den hohen Energieverbrauch senken sollen - dies erfordert Lösungen, die für jedes einzelne Gebäude oft neu gefunden werden müssen. Wie wichtig dieses Unterfangen jedoch ist, machen folgende Zahlen deutlich: 40% des gesamten Energieverbrauchs sowie 36% der CO2-Emissionen gehen in Europa allein auf das Konto von Gebäuden. Für die Vielzahl der Häuser, die zwischen den 50er und 80er Jahren erbaut wurden, spielten beim Aufbau Kriterien der Nachhaltigkeit und Energieeffizienz keine große Rolle. Für viele dieser Gebäude sind jetzt energieeffiziente Sanierungslösungen ausgearbeitet worden, die sich bewährt haben und den Energieverbrauch deutlich senken können. Schwieriger verhält es sich mit historischen Gebäuden, die in Europa je nach Gebiet 10-25% aller Gebäude ausmachen. Deren energieeffiziente Sanierung ist aufwändiger, da es gilt, die wertvollen historisch-architektonischen Details zu erhalten: Wie kann z.B. eine Lüftungsanlage in einen Palazzo mit Fresken an den Decken integriert werden? Oder wie kann der Wärmeverlust durch ein Fenster verringert werden, ohne dass filigrane Fensterrahmen zerstört werden?

Waaghaus Bozen


Fragen, mit denen sich eine Forschergruppe - bestehend aus 22 Partnern aus ganz Europa - unter der Leitung des EURAC-Instituts für Erneuerbare Energie im Rahmen des Projekts 3ENCULT (Efficient Energy for EU Cultural Heritage) auseinandersetzt.
„Historische Gebäude sind für uns Wissenschaftler besonders spannend, weil sie uns dazu zwingen völlig neue Lösungswege zu entwickeln. So werden z.B. Lüftungsanlagen normalerweise an der Decke installiert. Wenn sich dort eine wertvolle Freskomalerei befindet, muss eine Alternative gefunden und beispielsweise auf die Seitenwände ausgewichen werden“, erklärt Alexandra Troi, stellvertretende Leiterin des EURAC-Instituts für Erneuerbare Energie und Leiterin des Projekts 3ENCULT.
Im Rahmen des Projekts setzen sich die Experten mit acht Fallstudien auseinander. Die Erkenntnisse aus den Analysen bilden die Grundlage für die Sanierung weiterer Gebäude. „Jedes historische Gebäude ist ein Fall für sich. Es gibt keine allgemein gültigen Lösungen. Unser Ziel ist es, Richtlinien zu bieten, die die eingesetzte Art der Sanierung vor dem jeweiligen Hintergrund nachvollziehbar machen. Auf diese Weise vermitteln wir erprobte und vor allem in Zusammenhänge eingebettete Lösungen“, erklärt Alexandra Troi weiter.
Unter den europaweit ausgewählten Fallstudien des Projekts befindet sich auch das mittelalterliche Waaghaus auf dem Bozner Kornplatz.
Es dient zurzeit als Versuchsobjekt, an dem einige der Sanierungslösungen aus dem 3ENCULT-Projekt erprobt werden, wie z.B. ein energieeffizientes Fenster mit neuester Technologie, das sich zur gleichen Zeit ohne Stilbruch in den historischen Bau einfügt. Der im Projekt entwickelte Prototyp des Fensters vereint sowohl baulich-ästhetische als auch energetisch-effiziente Kriterien – und wurde anhand der Bozner Erfahrung auch schon weiter verbessert.
„Bei der Auswahl der Projektpartner war uns besonders wichtig, dass wir unterschiedliche Expertisen mit ins Boot holen: Ingenieure, Architekten, Planer, Denkmalpfleger. Dies zwingt zu einem radikalen Umdenken, denn es heißt zwischen den unterschiedlich ausgerichteten Interessen einen gemeinsamen Weg zu finden, nicht nacheinander sondern miteinander zu denken. Das ist eine große Herausforderung, die aber zugleich die Grundlage für neue Lösungen schafft“, schlussfolgert Alexandra Troi.
Über das energieeffiziente Sanieren historischer Bauten hinaus begleiten die Forscher des EURACInstituts für Erneuerbare Energie auch die Sanierung jüngerer Gebäude und den Bau neuer Häuser mit niedrigem Energieverbrauch. Die Bandbreite reicht dabei von der einzelnen Photovoltaik- oder solarthermischen Anlage bis hin zur Entwicklung von Lösungen für „smart cities“ und ganze Wohnsiedlungen mit niedrigem Energieverbrauch.

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